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Bericht in der Zeitung |
Stark und schwach gemeinsam fördern
Auch als Förderschüler kann man es an einer Regelschule schaffen. Viele Kinder im Landkreis beweisen das derzeit.
Von Nicole Selendt
Deining/Postbauer-Heng. Es ist die zweite Schulstunde. Konzentriert sitzen manche Kinder an ihrem Tisch, flüstern etwas vor sich hin und klatschen gleichzeitig in die Hände. Anschließend schreiben sie etwas auf und das Ganze geht wieder von vorne los. Andere Schüler sitzen auf dem Boden und setzen kleine Kärtchen mit Silben so zusammen, dass sie die zwölf Monate des Jahres ergeben. Mittendrin halten die beiden Lehrerinnen Ulrike Berschneider und Katja Witzl immer wieder bei einzelnen Schülern inne und geben Hilfestellungen. Silbentrennung ist in dieser Stunde das Thema.
Die 2a der Grund- und Mittelschule in Deining ist eine Neuheit. Denn Witzl ist nicht wie Berschneider Grundschullehrerin. Sie gehört zum sogenannten Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) und kümmert sich um Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in der Klasse – zweimal die Woche für jeweils drei Stunden. Bei der 2a handelt es sich nämlich um eine Kooperationsklasse. Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sind darin ebenso zu finden wie Schüler mit sogenanntem sozialen und emotionalen Förderbedarf – zusammen mit Schülern ohne Förderbedarf.
Die Bemühungen an bayerischen Schulen, allen Kindern den Gang an eine Regelschule zu ermöglichen, nennt man Inklusion. Derzeit gibt es sie entweder als Kooperationsklasse, als Einzelförderung oder als Außenklasse. Bei letzerem wird eine Förderklasse unter dem Dach einer Regelschule unterrichtet – oder umgekehrt. Bei der Einzelvariante gehen einzelne Schüler zusammen mit einer Fachkraft in den Unterricht einer Regelschule. Wie im Fall zweier Kinder an der Erich Kästner Schule in Postbauer-Heng.
Eines von ihnen geht in die zweite Klasse. Der Junge leidet am sogenannten Asperger Syndrom – einer Form von Autismus. Während er im Klassenraum hockt und den Unterricht verfolgt, ist Heilerziehungspflegerin Angela Mederer immer bei ihm. Merkt sie, er braucht zu lange, um seinen Tisch zu räumen und sich auf ein anderes Fach vorzubereiten, greift sie ein. Macht er den Eindruck, als werde ihm der Unterricht zusammen mit den anderen gerade zu viel, führt sie ihn aus dem Klassenzimmer und macht draußen alleine mit ihm weiter.
„Das klappt ganz gut“, wie Postbauer-Hengs Schulleiterin Sabine Bodenmeier findet. Sie hält viel von der Art und Weise, wie die Kinder in den Unterricht einbezogen werden. Mederer beschreibt die Zielsetzung der Einzelinklusion: „Ich habe das Optimum erreicht, wenn ich für das Kind überflüssig geworden bin – wenn es die Schule selbstständig meistern kann“.
Ihr Schützling beschäftigt sich mit genau dem gleichen Stoff wie alle anderen Kinder. Mederer hilft ihm lediglich bei der täglichen Routine – und gibt ihm dadurch die Chance, es irgendwann ganz alleine durch den Schulalltag zu schaffen. „Auf einer Förderschule wäre das Kind unterfordert“, ist sie sich sicher. Für die anderen Kinder in der Klasse ist die Anwesenheit eines weiteren Erwachsenen schon völlig normal.
Im Fall der Deininger Grundschulklasse freuen sich die Kinder sogar immer besonders auf die Dienstage und Donnerstage, denn da ist Katja Witzl bei ihnen. Selbst sie merken: Hat Ulrike Berschneider Hilfe, kann man erstens tolle Sachen im Unterricht machen und zweitens eher Fragen stellen. Die Klassenleiterin ist überzeugt: „Eine Kooperation ist für die ganze Klasse ein Gewinn. Unsere Hilfe können die Stärkeren genauso beanspruchen wie die Schwächeren.“ Und weil das so ist, falle den Kindern gar nicht auf, dass die Lehrerinnen manchen öfter unter die Arme greifen als anderen.
Im Landkreis Neumarkt gibt es laut Schulamtsdirektor Dieter Lang sieben Kooperationsklassen. Neben der Deininger Klasse gibt es drei in der Hauptschule West und drei in der Grund- und Mittelschule Berching. Bayernweit werden derzeit rund 16000 Schüler in Einzelinklusion oder Kooperationsklassen unterrichtet. Dazu kommen noch 163 Außenklassen.
Doch Witzl weiß: „Inklusion hat auch ihre Grenzen.“ Und in diesem Punkt bläst sie in das gleiche Horn wie Deinings Schulleiterin Maria Stautner. Nicht immer sei eine Regelschule der richtige Förderort für ein Kind mit Förderbedarf. „Im Mittelpunkt muss immer das Kind stehen. Eine exakte Diagnose sollte deswegen Grundlage der Entscheidung sein, wo es letztendlich gefördert werden soll“, konkretisiert Stautner. Für Deining könne die Schulleiterin sagen, dass die Kooperationsklasse den Kinder gut tue. „Wir kommen voran.“
Allerdings hängt eine dunkle Wolke über der harmonischen Zusammenarbeit zwischen Berschneider und Witzl – die beiden sind inzwischen auch privat sehr gut befreundet. So effektiv die Arbeit mit den Kindern an der Deininger Schule auch sei: Die Zeit, die die Sonderpädagogin mit ihnen und ihrer Klassenlehrerin verbringen kann, sei viel zu kurz. Anstatt der 90 beantragten Stunden für insgesamt vier Klassen in Deining und Berching muss Witzl mit nur 49 Stunden auskommen. Und das werde sich auf absehbare Zeit auch nicht ändern.
„Pädagogisches Neuland“
Die Kooperationsklasse in Deining ist für Sie, Eltern und Lehrer etwas völlig Neues. Können Sie sich mittlerweile mehrere solcher Einheiten an der Schule vorstellen?
Maria Stautner: Wenn der Bedarf besteht, die Förderschwerpunkte klar sind und es für das Kind gut ist: Durchaus. Vorher muss aber eine genaue Diagnostik erfolgen, dann muss für das Kind der geeignete Förderort gefunden werden – und wenn der in einer Kooperationsklasse ist, ist es durchaus möglich, dass man das hier weiter ausbaut.
Welche Voraussetzungen muss ein Lehrer mitbringen, um eine Kooperationsklasse leiten zu können?
Von seiner Ausbildung her sind alle unsere Grundschullehrer dazu fähig, weil sie eine fundierte pädagogische Ausbildung mitbringen. Was man zusätzlich braucht, ist sicherlich Offenheit, die Bereitschaft, Dinge auszuprobieren, und eine gewisse Neugier auf neue Arbeitsweisen. Denn es geht hier wirklich um pädagogisches Neuland.
Wie macht man Eltern klar, dass eine Kooperationsklasse für ihr Kind anstatt einer Förderschule eine gute Lösung wäre?
Ich glaube, dass unsere Eltern insgesamt für die Kooperationsklasse sehr offen sind. Wenn es eine Möglichkeit gibt zu sagen: Für eine optimale Förderung ist die Grundschule der ideale Ort, dann ist das für Eltern besser zu akzeptieren, als wenn es an die Förderschule geht.
Bei einem Elternabend haben Sie allen Eltern der jetzigen Zweitklässler das System der Klasse vorgestellt. Wie haben die Eltern nicht förderbedürftiger Kinder reagiert?
Es gibt immer Kinder, die lernen sich leichter und andere, die lernen sich schwerer. Wir haben den Eltern gesagt, wir haben die Möglichkeit, eine solche Klasse in diesem Jahr einzurichten, haben aber keine Namen genannt. Die Eltern waren sehr aufgeschlossen, denn durch die Kooperationsklasse haben wir zusätzliche sechs Stunden durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst. Und diese zweite Lehrkraft kommt ja allen Kindern zugute.
Maria Stautner Schulleiterin Deining | |

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